Mal angenommen

"Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob."

Römer 15,7

Ja, genau so sollen Christen sich verhalten: Einander annehmen! Und: In diesem kleinen Vers ist die Vision einer anderen Welt enthalten. Es wird nicht gelästert, nicht nieder gemacht, oder gar jemand anderem Gewalt angetan. Es wir angenommen - ohne Vorbehalte und Einschränkungen á la "Wenn DU das sein lässt, dann kann ICH dich auch annehmen."

Warum soll, warum kann ich das tun?

Weil Christus dich und mich und alle anderen schon angenommen hat, lautet theologisch die korrekte Antwort. Es ist eine einfache Analogie. Darum geht es. Und jede und jeder hört schon die Stimmen: Aber die Welt tickt doch ganz anders und läuft ganz anders. Sollte man nicht lieber klug wie die Schlange sein, bevor man nach so einem Satz sein Leben organisiert? Das ist die Frage, die jeder der sich Christ nennt zu beantworten hat.

Man kann die Jahreslosung aber auch von hinten her lesen. Dann bekommt sie für alle, die in jeder Religion eine fundamentalistische Gefahr sehen, einen verblüffenden Sinn. Weil es um das Lob Gottes geht, darum müsst ihr eure Verschiedenheit ertragen. Gott tut das, Christus tut das, dann können Menschen es gefälligst auch tun. Die Logik ist verblüffend: Sie lautet nicht ein Gott - eine Lebensweise, sondern ein Gott - viele Lebenweisen. Toleranz und Akzeptanz sind Grundformen des Lobpreises. 

"Das Anerkenntnis der eigenen Erlösungsbedürftigkeit ist meines Erachtens eine unverzichtbare Wurzel für eine selbstkritische und tolerante Lebenshaltung. Das gilt für unser individuelles Leben wie auch für das Leben unserer Kirche." So hat es der scheidende Ratsvorsitzende der EKD Nikolaus Schneider formuliert.

Mal angenommen, es klappt mit dem annehmen. Was würde, was könnte dann in Kirche und Gesellschaft geschehen? Annehmen, so sagen es uns die Therapeuten und Seelsorger ist ein großes Lern- und Übungsfeld.

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